Eine Episode aus dem Krieg 1864

Bei Düppel erlebt ein junger Soldat zum ersten Male die Grauen des Krieges, als zwei Kameraden direkt neben ihm erschossen werden und er selbst zwei Soldaten im Nahkampf tötet.

 
Am 1. Februar 1864 marschiert das preußisch-österreichische Heer von über 60.000 Mann dem Danewerk entgegen, wo die Dänen die Angreifer erwarten.
 
 

Einer der jungen preußischen Soldaten heißt Werner. Mit einem Güterzug ist er nach Rendsburg gekommen zusammen mit anderen Kameraden aus dem Rheinland, wo er in einem kleinen Ort an der belgischen Grenze wohnt. Das Gebiet gehört zu Preußen, so dass Werner eine preußische Militärausbildung genossen hat. Auf Gebot des Königs sollen sie nun zusammen mit den Österreichern Schleswig "vom dänischen Joch" befreien. Sein Kamerad Arnold ist allerdings der Meinung, dass es nur darum geht, eine weitere preußische Provinz für Bismarck zu erobern. Arnold hat einige Kenntnisse über den historischen Hintergrund und weiß, dass es vor 14 Jahren schon einmal einen dreijährigen Krieg gab, den die Dänen gewannen. Jetzt hätten sie aber den Friedensvertrag gebrochen, und deshalb sollten Preußen und Österreich als Vertreter des Deutschen Bundes das Schleswig-Holstein-Problem ein für alle Mal aus der Welt schaffen.
Arnold, der selbst aus einer Grenzregion stammt, hält gar nichts von der Methode, wie das Problem gelöst werden soll. Er ist der Meinung, dass Krieg die schlechteste aller Lösungen sei.

 
 

Zu dem großen Kampf am Danewerk kommt es nicht. Unbemerkt von Österreichern und Preußen haben sich die Dänen während der Nacht zurückgezogen, als ihnen klar wurde, dass die Stellungen nicht zu halten waren. Starker Frost hatte eingesetzt, und es bestand die Gefahr, dass der Feind das Danewerk über das Eis umgehen könnte. Deshalb zieht sich das dänische Heer zu den Düppeler Schanzen zurück. Das Heer der Österreicher und Preußen marschiert wieder nordwärts. Es kommt zu Kämpfen bei den Festungen Kolding und Fredericia, und ein Teil des preußischen Heeres beginnt die Schanzen bei Düppel zu belagern. Die Kanonen der Preußen sind besser als die dänischen, und ihre Gewehre sind moderner. Jetzt geht es darum, die dänischen Stellungen auszuspähen.

 

Werner und Arnold werden mit ihrem Sergeanten auf einen Patrouillengang geschickt. An den Knicks entlang kriechen die drei einen Hügel hinauf, von dem sie über den Sund bis nach Sonderburg sehen können. Dann geht es weiter in westlicher Richtung. Sie schleichen über einen Pfad dicht am Wall eines Knicks entlang, der Sergeant vorweg, dann Werner und als Schlussmann Arnold. Plötzlich fallen aus nächster Entfernung drei oder vier Schüsse. Werner sieht den Sergeanten vor sich sofort niederstürzen. Instinktiv wirft er selber sich nieder, wie auf dem Exerzierplatz geübt. Er sieht sich nach Arnold um, der liegt schon da, und an einer Zuckung, die seinen Körper zusammenzieht, erkennt er, dass auch er tödlich getroffen ist. Eigene Überlegungen können da nur lähmen, hier hilft nur der eingefleischte Drill. Die Befehle dröhnen durch seinen Kopf: "Ran an den Feind - schießen, Mensch schieß, durchladen - hurra, schrei hurra - den Nächsten aufs Korn und umlegen - dem dritten den Gewehrlauf ins Gesicht und dann einen Kolbenschlag auf den Schädel - und immer hurra gebrüllt, dass die Heide bebt!"

 

Bei seinem Sprung ins Gebüsch springt er einem Dänen, der in knieender Haltung sein Gewehr lädt, geradewegs ins Gesicht. Der Mann ist für den Augenblick derart benommen, dass Werner zuerst auf einen zweiten schießt, der gleichfalls sein Gewehr lädt. Schon hat er sich mit einem furchterregenden Hurraschrei wieder dem ersten zugedreht, der sich gerade aufrafft. Mit einem Kolbenstoß zerschmettert er ihm den Schädel. Schon zielt er auf den dritten Dänen, der sich blitzschnell über den Erdwall des Knicks ins freie Gelände wirft. Doch als Werner ihm nachschießen will, merkt er, dass er vor lauter Aufregung noch nicht nachgeladen hat.
Das tut er jetzt, doch wohin er späht, der Däne ist wie vom Erdboden verschluckt.
Da steht er nun zwischen zwei Toten, die ihm das wahre Grausen einjagen. Und wie er sich vorhin in den Hohlweg hineingestürzt hat, wühlt er sich nun mit der Kraft der Verzweiflung durch das dornige Gestrüpp wieder heraus hin zu seinen Kameraden. Aber sie sind tot, und sie bleiben es, so heftig er auch an ihnen rüttelt. Und wenige Schritte nebenan im Gebüsch, da liegen noch zwei Tote. Vier Tote auf engstem Raum, vor kurzem lebten sie noch alle vier, und ein Däne lauert in der Nähe um ihn zu töten. Werners Knie schlottern, seinen ganzen Körper schüttelt es, das Gewehr fällt ihm aus der Hand, ihm wird schwarz vor Augen. -

Als er die Augen wieder aufschlägt, blickt er in ein fremdes Gesicht, so jung wie seines und schreckverzerrt wie seines auch sein mag. An dem breiten Mützenschirm erkennt er sogleich den Dänen, es kann nur der vorhin entwischte dritte Mann sein. Und der spricht ihn nun auf Deutsch mit weichem dänischen Akzent an: "Keine Angst, ich tu dir nichts. Das habe ich schon nicht gekonnt, als ihr drei an uns vorbeigekommen seid. ‚Der ist noch viel zu jung zum Sterben', hab ich gedacht. Du hast zwei Kameraden von mir getötet, das ist sehr schlimm. Der eine von ihnen hat drei Kinder, der andere ist ein Freiwilliger aus Schweden. Sie haben deine Kameraden hier totgeschossen, ich meine, das sollte genug sein." Werner nickt stumm vor sich hin, er kann nicht verhindern, dass ihm die Tränen kommen. Auch der Däne ist am Ende seiner Kräfte. Er nimmt seine Feldflasche heraus, er hat lauwarmen Tee mit einem Schuss Rum darin, und den trinken sie zu zweit.

 

Sie beginnen ein Gespräch, woher sie kommen und was sie machen. Der Däne heißt Olaf und stammt aus Mögeltondern . Er studiert Jura an der Kieler Universität, möchte aber nach dem Krieg einige Semester in Kopenhagen studieren, der Sprachen wegen, wie er sagt. Er findet es wichtig, dass man mehrere Sprachen kann und offen ist für andere Kulturen. Werner erzählt, dass er an der belgischen Grenze wohnt und dass man in seiner Heimat auch mehrere Sprachen spricht. Er zeigt auf Arnold, der fließend Französisch sprach, so vieles wusste und davon überzeugt war, dass Krieg die schlechteste Lösung der Probleme in einem Grenzland ist. Das findet Olaf auch. Er wünscht sich eigentlich, dass Schleswig ein selbständiges Land sein sollte, so dass Dänen, Deutsche und Friesen einträchtig zusammen leben könnten wie in früheren Zeiten. Vielleicht könnten die Düppeler Schanzen zu Chancen für das Grenzland werden.

 

Plötzlich hören sie Schüsse in der Ferne und besinnen sich auf die Gegenwart. Sie wissen, dass sie zu ihren Einheiten zurückkehren müssen. Sie beschließen, die Toten aus dem Gebüsch auf den Weg zu legen, damit man sie finden kann. Als das schwere Werk getan ist, setzen sie sich, um zusammen eine Pfeife zu rauchen, einer mit dem Tabak des anderen. Während des Rauchens beschließen sie, einander zu schreiben, wenn der Krieg vorbei ist. Olaf hat ein Stück Papier in der Tasche, und sie notieren sich ihre Anschriften. Ein letzter Handschlag, dann schultern sie ihre Gewehre und gehen, der eine hierhin, der andere dorthin zum festgelegten Treffpunkt ihrer Patrouillen.

 
 

Bücher über die schleswigschen Kriege

Bücher über die schleswigschen Kriege, die du in der Bücherei ausleihen kannst:
Wilhelm C. Hambach, Die Düppeler Chancen, (Krieg 1864) Flensburg 1974
Wolfgang Wegener/Evamaria Steinke, Jan Ochsenknecht (erster schleswigscher Krieg 1848), Stuttgart 1988
Herman Bang, Tine (zweiter schleswigscher Krieg 1864), in: Bangs Werke in 3 Bd., München 1982, (Erscheinungsjahr der Novelle 1889)